Das Lied von Mike Oldfield schwirrt mir im Kopf herum, als ich mit Anke die französische Grenze passiere. Wie lange ist das her? Genau, 1984. Damals stand ich mit der Sprache auf Kriegsfuß und deshalb ist davon auch heute kaum mehr was übrig.

Und warum dann Frankreich? Wegen Anke's Stricknadeln. Die wurden von unfreundlichen türkischen Flughafenkontrolleuren seinerzeit bei der Sicherheitskontrolle in Istanbul vorsätzlich kastriert - und weil die Brigitte schon ausgelesen war, fand sich im Tour-Magazin ein Artikel über Rennradfahren in der Ardeche ...


Ardeche - Schauern bei Fremden

An Radfahren ist nicht zu denken, denn ich bin total erkältet und gehöre eigentlich ins Bett. Somit ist Sightseeing angesagt und wir besichtigen mehrere Orte am Fluß Ardeche.

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In Balazuc schlägt dann unerwartet das Wetter um, es schüttet aus allen Kübeln und wir schauern unter einem Baum. Es hört einfach nicht auf und so beschliessen wir, uns unter ein Vordach in der Nähe zu retten. Das mittelalterliche Haus sieht unbewohnt aus, doch als Anke versehentlich gegen den Türknauf kommt wird uns kurz darauf geöffnet - und die Dame bittet uns herein. Wir sind ziemlich perplex und erstaunt zugleich. Das Haus ist innen super eingerichtet, und wir "unterhalten" uns mit unserer Gastgeberin, bis es wieder aufhört.


Tanargue

Das Wetter ist gut - also auf's Rad. Wir starten in Vinezac und fahren nach Karte bis Jaujac, von dort aus übernimmt dann der Garmin. Die bisherige Route war schon nicht flach, von dort beginnt aber erst der lange Anstieg zum Col de la Croix de Bauzon. Die Steigung ist fast durchgehend moderat und die Landschaft sehenswert.

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Oben ist es dann doch recht frisch, und so sind wir froh, dass es nur kurz bergab geht. Es folgt der Anstieg zum Col de Meyrand, mit 1371 m der höchste Punkt unserer Tour. Nach einer ewigen Abfahrt stehen uns noch zwei fiese Gegenanstiege im Weg, bevor wir in Largentiere die längst überfällige Kaffeepause einlegen.

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Auf den letzten Metern zurück nach Vinezac knacken wir die 2000 hm, so viel wollte ich eigentlich nicht am ersten Tag fahren, schon gar nicht mit der Erkältung.


Auf den Spuren der Ardechoise

Heute starten wir in Vals-les-Bains. Und kaum sind wir aus dem Ort raus, sind wir alleine. Orte, Autos, andere Radfahrer bekommen wir kaum zu Gesicht. Erst am Col de la Fayolle fahren wir auf eine französische Radgruppe auf.

Von dort wieder: Einsamkeit. Die Landschaft ist anders als gestern, meist bewaldet, nur die Höhenlagen sind kahl.

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In Saint-Pierreville möchten wir eigentlich was essen, doch natürlich ist kurz nach Mittag wieder alles geschlossen. So haben wir uns "Essen wie Gott in Frankreich" nicht vorgestellt. Stattdessen dürfen wir hungrig auch noch den langen Anstieg nach Mezilhac hochkurbeln, hier gibt es wenigstens einen Kaffee.

Die Stimmung gleicht sich den frostigen Temperaturen an, selbst die Schafe am Wegesrand wirken diesmal nicht als Stimmungsaufheller. Die verbessert sich erst in Lachamp-Raphael, denn hier hat doch tatsächlich mal ein Laden geöffnet.

Die Abfahrt nach Burzet ist spektakulär und steil.

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Sie führt durch eine Schlucht, andersherum wäre das hier ein echtes Brett. Von Burzet aus geht es nochmal bergan zum Col de Moucheyre, von dort rollen wir dann zurück nach Vals-les-Bains.


Doppelt krank

Nun hat es auch Anke erwischt: Erkältung. So gibt es einen radfreien Tag, wir besichtigen Antraigues-sur-Volane (das soll eines der schönsten Dörfer Frankreichs sein?) und Vals-les-Bains. Anke möchte unbedingt die optisch tollen Macarons probieren

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und komischerweise ist ihr danch richtig schlecht. Aber bis zum Abend hat sich das wieder gelegt ...

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Transfer Luberon

Wir sind schon am Mittag in Roussilion und fühlen uns fit. Daher: Rennrad. Es ist heiss und es geht auf miesen Strassen durch endlose Kirschenplantagen, so viele Kirschbäume hab ich noch nie gesehen. Und natürlich gibt es dort die ein oder andere Pause ...

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Nach Saint-Saturnin-les-Apt ändert sich die Landschaft, wir fahren durch eine Schlucht bis zum Rand der Gorges de la Nesques. Und hier sehen wir schon unser morgiges Tagesziel.

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Zurück in Roussillion überrascht unser Hotel am Abend noch durch sehr eigenwillige (und farblich ständig wechselnde) Gartenbeleuchtung.

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Mont Ventoux

Wir shutteln nach Villes-sur-Auzon. Vom Start geht es direkt in die Gorges de la Nesques. Landschaftlich toll, vor lauten Gucken vergisst man fast, dass es nur bergauf geht.

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Nach der Schlucht halten wir in Sault beim Bäcker, ehe es frisch gestärkt in den Anstieg zum Mont Ventoux geht. Die Steigung der Ostseite ist gut fahrbar, die letzten 2 km zum Chalet Reynard sind fast flach. Ab hier geht es eigentlich erst richtig los, Anke hat sich schon tagelang mental darauf vorbereitet ("schaff ich das überhaupt?").

Ich habe nur noch Augen für die Landschaft. Auch wenn man den Ventoux von Bildern her kennt, so ist es live doch noch viel intensiver.

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Und natürlich schafft Anke die knapp 6,5 km vom Chalet Reynard zum Gipfel, der heute geradeso in den Wolken hängt. Daher der weisse Hintergrund beim Beweisphoto:

Mont Ventoux

Tja, und diese weisse Suppe wird dann noch zum Problem. Während bei der Auffahrt wirklich nur die letzen Meter neblig waren, so hört der Nebel bei der Abfahrt gar nicht mehr auf. Es ist kalt und nass, der Nebel schlägt sich überall nieder, so dass die eh bescheidene Sicht auch noch durch die Brille getrübt wird. Anke ist begeistert ;-)

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Irgendwann reisst es dann doch wieder auf und wir sind froh, als wir in Malaucene ankommen. Es geht wellig weiter nach Bedoin, hier merkt man, dass der Ventoux in der Nähe ist: Radfahrer ohne Ende, sogar Radläden (wir wussten bis dahin nicht, dass es in Frankreich sowas gibt). Über Flassan (mal wieder Kirschenpause) geht es zurück nach Villes-sur-Auzon.


Col de Perty

Eigentlich wollten wir am letzten Tag die Gorges du Verdon fahren. Aber der Transfer war uns dann doch zu lang und so haben wir improvisiert. Frank hatte uns als Tourentipp die Gorges d'Aulan mitgegeben. Und daraus hab ich mir dann ne Runde über den Col de Perty gebastelt.

Wir starten in Montbrun-les-Bains in die Aulan-Schlucht. Landschaftlich wieder toll, und plötzlich taucht das Aulan-Schloss auf. Über den Col d'Aulan geht es weiter nach Saint-Auban-sur-l'Ouveze und kurz darauf beginnt der Anstieg zum Col de Perty. Dieser ist zwar lang, aber die Steigung immer moderat. Es ist wieder ein heisser Tag und man hat im oberen Teil des Anstieges tolle Ausblicke zum Mont Ventoux.

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Oben auf der Passhöhe (1302 m) hat man dann den Ausblick nach Osten: Die Alpen!

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Nach einer geilen Abfahrt nach Laborel stellen sich uns noch 2 Pässe in den Weg. Über den Col Saint-Jean und den Col de Macuegne geht es zurück nach Montbrun-les-Bains. Das Experiment ist geglückt, wenn man von der nicht zu toppenden Ventoux-Erstbefahrung absieht, war dies die schönste Radrunde des Urlaubs.


Fazit

To France - gerne wieder. Allerdings finde ich französisches Essen total überbewertet - und mittags während einer Radtour mal eine offene Bäckerei/Supermarkt/... zu finden, ist in der Pampa eine echte Herausforderung.

Beide per Inernet gebuchten Hotels waren ein Glücksgriff, daher hier noch die Links:

Ardeche: http://www.lemasdemonpere.com/
Roussillion: http://www.sablesdocre.com

Alles Bilder des Urlaubs findet ihr hier:
http://www.flickr.com/photos/karsten13/sets/72157630097545358/